BewohnerInnen & AnwohnerInnen planen für St-Pauli.
Ideen, Skizzen, Beispiele
Etwas Besseres als das “Bernhard-Nocht-Quartier”
Hamburg, bist Du noch die schönste Stadt der Welt?
NoBNQ, St. Paulis Initiative gegen das “Bernhard-Nocht-Quartier”, ist nicht nur dagegen. In diesem Papier skizzieren wir Leitmotive und erste Ideen für eine andere Stadtentwicklung auf St. Pauli. Über diese Alternative zum BNQ wollen wir mit StadtbewohnerInnen, Politik und Medien ins Gespräch kommen.
In was für einer Stadt wollen wir wohnen?
Nicht in der “Stadt der Tiefgaragen”, der Investorenarchitektur, der Verdrängung, der aufeinandergestapelten Eigentumswohnungen. Die können sich die meisten St. PaulianerInnen auch gar nicht leisten. Das Projekt der Köhler & von Bargen OHG verschärft soziale Spannungen und geht an den Bedürfnissen, Interessen und Potentialen des Viertels vorbei.
Auf den folgenden Seiten stellen wir Ihnen ein besseres Stadtmodell vor. Es ist originell und kommt aus dem Viertel. Wir wollen einen offenen Planungsprozess, transparent und zugänglich für alle. Dies ist noch nicht der fertige Entwurf – sondern eine Sammlung von Ideen, die anschaulich macht, wie wir planen wollen. Unser Modell wird die Mieten dauerhaft niedrig halten. Unser Modell wird alte Bausubstanz bewahren und beleben und neuen günstigen Wohnraum schaffen – ökologisch und umweltfreundlich. Unser Modell ist erfindungsreich und traut sich sogar, modellhafte Lösungen für Probleme unserer Gesellschaft zu erarbeiten. Wir gehen noch weiter: wir wollen mit cleveren Ideen die Möglichkeiten, die im Viertel stecken, weiter entwickeln.
So werden gewachsene Strukturen bewahrt und es kann gleichzeitig etwas Neues entstehen – sozial, mit Ausstrahlung und Bedeutung über Hamburg hinaus.
Wir können es besser:
Gemeinsam planen – Open Source im Stadtraum
Wir halten es für selbstverständlich, als BewohnerInnen in die Planung und Gestaltung des Viertels einbezogen zu werden. Mehr als das: wir nehmen die Stadtentwicklung selbst in die Hand.
Investoren planen kaufmännisch, ausgelegt auf kurzfristige Rendite. Stadtplanung ist im „Unternehmen Hamburg“ Standortpolitik. Zunehmend werden Planungsprozesse hinter verschlossenen Türen zwischen Wirtschaft und Politik ausgekungelt. So auch die Vorgehensweise im geplanten Bernhard-Nocht-Quartier. Eine nachhaltige Stadtentwicklung wird verhindert. Der Ideenreichtum der BewohnerInnen versickert ungenutzt.
Wir wollen ein öffentliches Planungsbüro vor Ort – zum Beispiel im ehemaligen Erotic Art Museum – zugänglich für alle. Im Planungsbüro können sich alle informieren, selbst planen, zeichnen, Ideen studieren, Ideen kommentieren, aufgreifen und weiterverarbeiten. Sich gegenseitig schlauer machen. Auch die ArchitektInnen arbeiten dort. Das lokale Wissen fließt in die Planung ein. Denn Städte sind keine gleichförmigen Gebilde – ihre Unterschiedlichkeit verlangt eine individuelle und für die Situation passende Lösung.
Was und wie gestaltet wird, wird gemeinsam entschieden.
Soziale Nachhaltigkeit im Stadtteil -
Wohnraum auf Dauer dem Spekulationsmarkt entziehen
Wir stellen uns genossenschaftliche Lösungen von Wohnen und Arbeiten vor. Gemeingut oder Modelle, in denen die MieterInnen nicht von Besitzern und Vermietern abhängen, schaffen eine gewisse Sicherheit der Lebenssituation. So verwenden die BewohnerInnen mehr Energie auf die Organisation und Gestaltung des Zusammenlebens, als auf die Sorgen und Ängste, die mit einer ständigen Bedrohung der Wohnverhältnisse einhergehen.
Die von Köhler & von Bargen OHG in Aussicht gestellte Regelung, die Mieten bestehender Verträge im Block auf 10 Jahre konstant zu halten, ist nicht nachhaltig. Dieses Zugeständnis hat sich die Stadt mit Fördermitteln aus unseren Steuergeldern erkauft. Zehn Jahre sind schnell vorbei, dann wird abkassiert. Und in den neugeplanten 80 Eigentumswohnungen geht das sofort.
Wir wollen die Häuser dauerhaft aus dem Spekulationsgeschäft nehmen. Über erprobte Genossenschaftsmodelle wie das Mietshäusersyndikat und durch den sinnvollen Einsatz öffentlicher Gelder werden die Mieten dauerhaft so niedrig gehalten, dass sie nicht die Existenz der Bewohner einschränken. Ein Teil des Wohnraums wird für §5-Schein-Berechtigte reserviert.
Die Stadt ist keine Marke, Wohnraum ist keine Ware. Alle müssen bleiben können.
Das Haus als Treffpunkt und Ort des Austauschs
Die Räume innerhalb der Häuser wie vor der Tür sollen soziale Funktionen erhalten und Möglichkeiten für Begegnung und Kontakte bieten. Öffentlicher Raum soll nicht mehr nur als Durchgangszone von einem Ort zum anderen funktionieren, sondern selbst Ort sein.
Investorenarchitekturen sind gebaute Ideologien: wie Hochsicherheitsinseln schotten sie den Wohnraum von der Außenwelt ab.
Wohnhäuser dürfen nicht wie Festungen aussehen – wir wollen eine Offenheit nach außen, Wohnen und Alltag verschränken, Kommunikation ermöglichen und unwahrscheinliche Begegnungen wahrscheinlicher machen: Gemeinschaftsflächen sollen dazu beitragen, den aktuellen Mangel an öffentlichem Raum zu mindern.
Dafür haben wir uns ein paar schlaue beispielhafte Erfindungen ausgedacht:
Zum Beispiel: Auf dem Dach könnte ein halböffentlicher Waschsalon entstehen – mit Spielecke und Zeitschriften – die Waschküche als kommunikative Plattform. Einen Trockner braucht unser Viertel nicht – die Wäsche flattert im Wind der Dachterrasse, wie am Mittelmeer. Abends wird auf der Dachterrasse gegrillt oder gefeiert. Auf anderen Dächern wächst Gras – zum Sonnen oder um im Zelt zu übernachten.
Zum Beispiel: Ein glasüberdachter Innenhof wird als Büro und öffentlicher Lesesaal genutzt – ein Raum mit bequemen Sesseln und begehbaren Büchergalerien an den Wänden. Teile werden tags von angrenzenden Institutionen wie dem Kinderladen bespielt, nachts ist Platz für Hobbies, NachtarbeiterInnen, Skatrunden und Lesungen.
Zum Beispiel Kinderladen: mitten in einem Wohn- und Produktionsort gelegen, sind die Kinder davon nicht abgetrennt, es ergeben sich Einblicke, Austausch, Gespräche und Freundschaften mit den arbeitenden und da wohnenden Erwachsenen. Begegnungen beim Mittagsessen am großen Tisch.
Zum Beispiel Durchgänge: möglichst viele Bereiche werden miteinander verbunden und begeh-bar – Passagen, Höfe und Gastrobereiche auf Erdgeschossniveau, und auch die Dächer werden miteinander verbunden – von allen BewohnerInnen benutzbar.
Ein großer Saal steht für Kino, Konzerte und Versammlungen zur Verfügung. So entsteht Begegnung und Austausch, nach außen hin öffentliche oder halböffentliche Aufenthaltsorte, die in die Umgebung abstrahlen.
“Frag nicht was der Stadtteil für dein Haus tun kann, frag lieber was dein Haus für den Stadtteil tun kann.”
Die Stadt ist unser Produktionsort!
Wohnen und Arbeiten wachsen immer mehr zusammen – die Arbeit dezentralisiert sich und breitet sich im Raum aus. Soziales, Kultur und Leidenschaften lassen sich kaum noch von Beruflichem trennen. Dieser Entwicklung sollte neue Architektur Rechnung tragen.
Investorenarchitektur stapelt private Wohneinheiten übereinander – sie vermeidet unvorhergesehene Begegnungen – mit dem Auto in die Tiefgarage, mit dem Lift in die Wohnung. Das ist nicht sehr komplex gedacht.
Wie wäre es mit einem passagenartig überglasten Innenhof als Gemeinschaftsfläche? Teile könnten als offenes Büro mit kurzfristig mietbaren Arbeitsplätzen funktionieren. Selten benutzte Geräte wie große Scanner, Fotokopierer, Stichsäge, Server, Nähmaschine, Akkuschrauber, Großbildschirme und Farbdrucker könnten gemeinsam genutzt werden. Abschließbare Schränke bieten Stauraum für persönliche Arbeitsmaterialien.
Wer braucht da noch ein extra Arbeitszimmer in der eigenen Wohnung? Produktion heißt aber auch Produktion von menschlichen Beziehungen. Für uns sind Produktionsräume und Arbeitsorte, Fürsorge und lokale Ökonomien genauso wichtig, wie das eigentliche Wohnen. Ebenso wie Orte für Kinder. Auch Ältere wollen Teil des städtischen Lebens bleiben. Die Gemeinschaftsfläche funktioniert auch als anregender Treffpunkt für die Nachbarschaft.
Idee:
„St. Pauli Hafenbrauerei“
Nicht nur die vielzitierte „kreative Klasse“ braucht Raum und Arbeitsplätze auf St. Pauli – von einem ausgebufften Gesamtkonzept können viel mehr Menschen profitieren.
Hamburg, Getränkehauptstadt: Wie wäre es, zum Beispiel, Teile des Speichers, der früher eine Schnapsfabrik war, wieder als Produktionsort zu beleben? Die Astra-Brauerei musste einer anonymen Investorenarchitektur weichen. Der Astra-Turm steht leer – das Know-how ist im Viertel geblieben. Die Minibrauerei bringt Jobs nach St. Pauli zurück. Das selbstgebraute Bier wird im Gewölbe verkauft und im Restaurant mit schmaler Karte angeboten.
St. Pauli Hafenbrauerei, Gastronomie, Auftrittsort und das selbstbewusste, soziale Image des genossenschaftlich organisierten Betriebs verstärken sich gegenseitig. Das strahlt auf den gesamten Stadtteil ab – nachhaltig.
Statt Konzentrationsprozessen der multinationalen Bierkonzerne, die in Hamburg zurzeit weiter Arbeitsplätze im Brauereibereich abbauen – Aufbau einer unabhängigen, lokalen Ökonomie.
Ausbildungsplätze mit Jobperspektive auch für sozial benachteiligte Jugendliche aus dem Viertel – eine stabilisierende Wirkung über den Block hinaus. Warum sollen immer nur die vom schillernden Ruf St. Paulis profitieren, deren Architekturen den Kiez veröden?
„Wahre Schönheit kommt von innen.“
Noch ein Beispiel:
„Der Große Tisch“ – gemeinsam genutzte Flächen und Einrichtungen
Vormittags basteln die Kinder hier. Mittags treffen sich hier ArbeiterInnen der Brauerei, BüronutzerInnen, NachbarInnenn, BewohnerInnen und Kinder aus dem Kinderladen – und essen gemeinsam am großen Tisch. Nachmittags nutzt eine Grafikerin den Tisch für großformatige Arbeiten.
So haben Kinder am Arbeitsleben teil, Eltern können schon wieder Jobs annehmen, während die Kleinen in der Krabbelgruppe sind, und Singles bekommen etwas vom Leben der Kiezkinder mit.
Gekocht wird in einer zentralen Küche, die abends für das Restaurant zubereitet.
Häufig getrennt gedachte Funktionen werden zu einem schlüssigen und flexiblen Gesamtkonzept vernetzt.
Heterogene Strukturen – zugängliche Stadt
Wir wollen offene, zugängliche und veränderbare Wohnmodelle. Zusammenleben unterschiedlichster Gruppen und Menschen soll möglich sein -unabhängig vom Einkommen. Die Umwidmung von offenen Räumen zu Orten wird dazu beitragen, dass Menschen nicht mehr nur nebeneinander her wohnen, sondern sich ein Zusammenleben entwickelt. Das wird sich besonders im dicht besiedelten St. Pauli positiv auf die Umgebung auswirken.
Die Investoren sehen monotone Blocks aus Eigentumswohnungen vor – eine besonders erstarrte und intolerante Wohnform. Denn nach St. Pauli zieht bald nur noch, wer eine Wohnung kaufen kann. Abgeschmackte Stapel, wie sie überall gebaut werden.
St. Pauli zeichnet sich durch eine extreme Unterschiedlichkeit aus. Wir wollen, dass auch sozial schlechter Gestellte hier wieder eine Wohnung finden. Auch Alter, Herkunft und sexuelle Orientierung von zusammenlebenden Menschen sollen heterogen und vielfältig bleiben. So wird dem Trend, sich nach solchen Kriterien abzugrenzen, entgegengewirkt. Voneinander zu lernen und einander zu unterstützen kann wieder zu einer Maxime des Zusammenlebens werden.
Wir denken, dass die Zeit reif ist für große Wohnungen, in denen mehrere alleinlebende Eltern zusammen wohnen können und Einzelkinder nicht mehr allein aufwachsen. Dass man mit einem Raum weniger auskommen kann, wenn man ein Gemeinschaftsbüro im Haus hat. Dass man sich wieder verkleinern kann, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Oder wenn Paare sich trennen. Dass man kein Gästezimmer braucht, wenn man eine gemeinschaftliche Gästeetage im Block hat. Dass die Pubertät sich leichter ertragen lässt, wenn man vorübergehend in ein an die Außenwand konstruiertes „Wabennest“* ziehen kann. Flexibilität, sich verkleinern, sich vergrößern -das muss ein neuer Bau leisten.
*Das „Wabennest“: provisorische Architektur aus genormten Teilen, die vorrätig gehalten werden – leicht zusammengesetzt, leicht umgebaut und leicht abgebaut, wenn es andere Bedürfnisse gibt. Es könnte eine Dichterstube auf dem Dach sein. Ein Kinderhaus, in dem Cliquen sich treffen und zusammen übernachten können. Ein Schuppen, in dem Gartengeräte für die Gemeinschaftsbeete aufbewahrt werden. Ein Rückzugsort, ein Zeichenatelier…
Es ist Zeit, aus dem Standardgrundriss auszubrechen. Stadt ist verdichtete Unterschiedlichkeit.
St. Pauli kann mehr!
Jedes Viertel hat eine eigene visuelle Sprache. Diese soll sich in unserer Architektur widerspiegeln und weiter entwickeln.
St. Pauli ist nicht bekannt für diskrete Zurückhaltung – wo, wenn nicht hier, wäre Platz für einfallsreich gestaltete Architektur?
Investorenarchitektur sieht überall gleich aus. Ihre Logik heißt Gewinnmaximierung und nimmt wenig Rücksicht darauf, ob sie in der Hafencity, in Eppendorf, in Dubai oder auf dem Kiez entsteht.
St. Pauli ist äußerst dicht bebaut, im Falle einer weiteren Verdichtung müssen intelligente Lösungen her. Wir wollen vorhandene Strukturen wie Gewölbe, alte Häuser, verwinkelte Höfe, respektieren, neu bespielen und so nutzen, dass sie den aktuellen Bedürfnissen entsprechen.
St. PaulianerInnen haben bewiesen, dass sie Räume kollektiver Leidenschaften erfinden können. Am Ende unserer Straße ist aus öffentlicher Wunschproduktion Park Fiction entstanden. Das können wir auch mit Häusern!
Tu das Richtige, Hamburg-Mitte!
Alle Rechte vorbehalten















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[...] Wie ihre Bedürfnisse und Interessen gelagert sind, machen sie in einem städtebaulichen Gegenkonzept deutlich: Über eine Genossenschaft wollen sie die Gebäude dem “Spekulationsgeschäft” [...]
[...] werden. Jetzt haben sich Anwohner und Nachbarn selbst Gedanken über ihr Viertel gemacht und dieses Konzept der Öffentlichkeit vorgestellt. »Wohnen und Arbeiten wachsen immer mehr zusammen – die Arbeit dezentralisiert sich und breitet [...]
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[...] Dezember 2009 – 21:46 Die Anwohnerinitiative NoBNQ hat nun einen eigenen Plan, nach dem ihr Quartier gestaltet werden soll. Sie stellte ihn gestern der Öffentlichkeit vor – und sendete damit ein eindeutiges Zeichen an [...]
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